„… Langsam züngeln die Flammen von den untersten Ästen nach oben.
Schweigen herrscht in der Runde der Menschen, die um den Scheiterhaufen
stehen. Nur das Knistern der Äste ist zu hören, während die Flammen
goldgelb über den Leichnam schlagen...” So könnte sie ausgesehen haben,
die erste Feuerbestattung vor tausenden von Jahren. Der Ursprung einer
Bestattungsform, die in der heutigen Zeit immer mehr Nachfrage erhält.
In Deutschland wählen heute bereits 42 Prozent der Bundesbürger eine
Kremation. Es gibt zahlreiche verschiedene Grabformen für die
Aschenbestattung: normale Reihengräber oder spezielle Urnengräber in
Miniaturform, Kolumbarien, Urnenhallen und neuerdings ist auch das
Verstreuen der Asche oder die Beisetzung unter einem Baum erlaubt.
Seit der frühgeschichtlichen Zeit der Menschheit bis zur Geburt Jesu
Christi entwickelten sich die Erd- und die Feuerbestattung parallel
nebeneinander. Je nach Region war das eine oder das andere die
bestimmende Beisetzungsform. Mit dem aufkommenden Christentum vor allem
unter Kaiser Konstantin im 2. Jahrhundert sollte die Feuerbestattung
abgesetzt werden. Die neue Religion verlangte ebenso wie die Ägypter,
das Judentum und später der Islam einen intakten Leib für die
Bestattung, um das Weiterleben von Körper und Seele als Einheit auch im
Jenseits zu gewährleisten. Doch die Feuerbestattung wurde auch in den
christlichen Gebieten weiter praktiziert. Erst Karl dem Großen gelang
es per Dekret einheitlich für sein großes Römisches Reich die
Feuerbestattung zu verbannen. Er legte im Jahr 789 in den Kapitolarien
als einzige ehrbare Bestattungsform für den wahren Christen die
Erdbestattung auf dem Friedhof fest. Damit war zugleich gewährleistet,
dass eine gewisse Ordnung im Umgang mit dem Leichnam herrschte.
Gut 1000 Jahre hielt man sich an dieses Gesetz, bis sich im 19.
Jahrhundert anschließend an die Zeit der Aufklärung die Menschen erneut
Gedanken über die Feuerbestattung machten. Das Massensterben der Pest-
und Choleraepidemien des Mittelalters, die sich rasch vermehrende
Bevölkerung und das gleichzeitig wachsende Wissen um Hygiene und
Krankheitserreger führten zu der Frage nach einer hygienisch sicheren
Beseitigung von Leichnamen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fanden sich zunehmend Bürger als
Anhänger einer Feuerbestattung, bis dahin jedoch ohne eine technische
Grundlage. Doch die Entwicklung war schon im Gange. Auf der
Weltausstellung 1873 in Wien präsentierte der Paduaer Prof. Brunetti
die erste Feuerbestattungsanlage. Sie fand in den meisten europäischen
Ländern großes Interesse und 1876 eröffnete Italien in Mailand das
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erste Krematorium. In Deutschland arbeitete die Firma Friedrich Siemens
in Dresden an einer Feuer-Technologie, die 1876 auf der technologischen
Ausstellung zu Paris allgemeine Bewunderung erregte und besondere
Auszeichnung erlangte. Das erste Krematorium in Deutschland fand seinen
Sitz 1878 in Gotha, finanziert, wie die meisten folgenden Krematorien,
von privaten Feuerbestattungsvereinen, in denen sich das
fortschrittliche Bürgertum der Stadt engagierten.
Die Kirchen stellten sich den Feuerbestattungs-
vereinen entgegen.
Zunächst sprach sich der evangelische Oberkirchenrat dagegen aus, dann
erließ die katholische Kirche 1886 ein Verbot der Feuerbestattung unter
Androhung der Exkommunizierung.
Trotzdem wurden weitere Krematorien errichtet: z. B. in Dresden,
Berlin, Hamburg, Frankfurt. Die Zahl der Feuerbestattungen nahm
zunächst jedoch nur langsam zu. Erst nach der Weimarer Republik fand
die Kremation größeren Zuspruch, da durch die Kommunalisierung die
Kosten weiter gesenkt werden konnten und die Einäscherung für die
breite Arbeiterschaft deshalb attraktiv wurde. Im ost- und im
norddeutschen Raum stieg die Zahl der Feuerbestattungen bis in die 60er
Jahre auf 20 Prozent an.
Die evangelische Kirche gab 1920 ihren Widerstand auf. Die katholische
Kirche brauchte sehr viel länger. Erst mit dem zweiten vatikanischen
Konzil, das im Jahr 1962 begann und 1965 endete, erkennt auch die
katholische Kirche die Feuerbestattung als gleichwertig zur
Erdbestattung an. Jetzt konnten sich auch gläubige katholische Christen
ohne Bestrafung einäschern lassen. Nach wie vor wird jedoch in den
katholisch geprägten Regionen Deutschlands die Erdbestattung bevorzugt.
Heute gibt es in Deutschland ca. 140 Krematorien, die bis auf wenige
Ausnahmen alle in kommunaler Trägerschaft stehen. Die Einäscherung wird
im Wesentlichen aus Kostengründen von 42 Prozent der Bevölkerung als
Bestattungsart gewählt, bei langsam steigender Tendenz. Die
Beisetzungsformen für Urnen sind vor allem in den letzten zehn Jahren
vielfältiger geworden. Mit Blick auf die umliegenden europäischen
Länder ist das auch notwendig, denn die Bestattung in Form von Asche
erlaubt eine weitreichende Mobilität auch nach dem Tod. Nur den freien
Umgang der Angehörigen mit der Urne behält man sich in Deutschland vor
– wie lange noch, ist absehbar. Im 21. Jahrhundert hat sich die
Feuerbestattung in der Bestattungskultur etabliert und zunehmend
freiere Formen werden möglich. Gleichwohl gibt es heute noch kleinere
Landgemeinden, die in aller Zaghaftigkeit die Einführung von
Urnengräbern kritisch diskutieren.
Quelle: www.aeternitas.de
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